Internate in Deutschland und der Schweiz

Internatsschulleben in der Abgeschiedenheit

Die Internate in Deutschland haben sowohl in der Öffentlichkeit als auch unter Pädagogen immer noch mit mehr Vorurteilen zu kämpfen als ihnen lieb ist.
Das Bild zeigt ein Internat
- Sie trifft der Vorwurf der Elite-Schmieden für Kinder betuchter Eltern.
- Das Abitur bekomme man nachgeworfen; wenn's für das Regelschulabitur nicht reicht, verhelfen spezifische Förderungen und ein leicht gemachter Prüfungsablauf zum begehrten Zertifikat bzw. zu NC-tauglichen Noten.
- Ihr Erziehungsethos sei verschwiegen und antiquiert.
- Eltern, die ihren Kindern kein ständiges Zuhause bieten können oder wollen, würde eine pädagogisch wohl legitimierte Ersatzlösung geboten.
- Für viel Geld gäbe es Luxus: Von Tennis oder einer musischen Ausbildung über Reiten bis hin zum Segeln böten sich den Internatsschülern so manche aufwendige Zerstreuungen.

Was davon im Zusammenhang mit dem Internat oder der Privatschule stimmt?

Das meiste zwar, doch bestenfalls halb. Sicher, es ist richtig, dass die meisten Internate auch aufwendigere Aktivitäten anbieten, aber nicht mit der Absicht luxuriöser Zerstreuung, sondern weil sie handwerkliche und musische Bildung für genauso wichtig halten wie normalen« Unterricht, oder weil sie sozialtherapeutische Ziele verfolgen. Der Erziehungsethos in Internaten der Schweiz und Deutschland ist für manchen nicht gleich nachvollziehbar, Problemschüler werden in der Tat gefördert und die Kinder wohlhabender Eltern überwiegen schon in der Schülerschaft.
Es trifft jedoch nicht den Charakter des Internats, sie auf solche Kritikpunkte festzulegen oder gar zu reduzieren. Die Internate bilden eine wirkliche Alternative für das schulische Leben vieler Kinder, ihre Erziehungs- und Schulwirklichkeit ist qualitätsvoller als die fast aller Regelschulen - und sie sind aufgrund vieler inzwischen erschlossener Finanzierungsmöglichkeiten auch für Kinder interessant, deren Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können.
Ein Internat wird jeweils von etwa 95-500 Schülern besucht. Die meisten Internate sind konfessionell ungebunden. Sie umfassen in der Regel ein vollständiges Gymnasium von der 5. Klasse bis zur 13., manchmal mit angegliedertem Real- und Hauptschulzweig. Im Internat leben die Schüler oft je nach Schulstufen getrennt in auseinander liegenden Heimkomplexen. Als anerkannte Ersatzschulen vergeben die Internate die gleichen Abschlüsse wie die öffentlichen Regelschulen. Die Internate in Deutschland und der Schweiz stellen dazu die gleichen Anforderungen und verleihen die gleichen Berechtigungen. Oft hat ein Internat einen Leiter, der die Schülerzahl gut







anpasst an Lehr- und Erziehungspersonal und in der Regel haben Internate einen Schulpsychologen. Die Schüler wohnen in kleinen familienähnlichen Gruppen zusammen, die meist von den im Internat auch unterrichtenden Lehrern auch erzieherisch betreut werden. Hier sind die Formen jedoch vielfältig und stark von den personellen und räumlichen Gegebenheiten und auch von den besonderen Traditionen des jeweiligen Internats abhängig. In jedem Fall sind hier aber die Verantwortlichkeiten klar definiert; jedes Kind hat eine oder mehrere Bezugspersonen, die sich als Elternersatz um seine täglichen Lebensvollzüge kümmern.
Die Räumlichkeiten und die örtliche Lage stellen für alle im Internat wesentliche Grundvoraussetzungen und Besonderheiten ihrer Arbeit dar und machen einen beträchtlichen Teil ihres pädagogischen Selbstverständnisses aus.
Der Tagesablauf eines Schülers im Internat wird relativ straff durchorganisiert und kennt einen steten Wechsel von schulischen Lernphasen, Pause-, Ruhe- und Essenszeiten, Freizeit, handwerklichen, musischen oder sportlichen Angeboten und Stillarbeitsphasen.

Typischer Tagesablauf der Internate in Deutschland oder der Schweiz

6.00 Uhr Wecken/Waschen Mädchen -Zimmerordnung
6.15 Uhr Wecken/Waschen Jungen - Zimmerordnung
6.45 Uhr Frühstück
7.20- 8.05 Uhr 1. Stunde
8.15- 9.00 Uhr 2. Stunde
9.10- 9.55 Uhr 3. Stunde
9.55-10.20 Uhr Große Pause (2. Frühstück)
10.20-11.05 Uhr 4. Stunde
11.15-12.00 Uhr 5. Stunde
12.10-12.55 Uhr 6. Stunde
13.15 Uhr Mittagessen
13.45-14.30 Uhr Mittagsruhe
14.30-16.00 Uhr Freizeit, Sport, Gilden, Förderkurse
15.50-16.05 Uhr Abendessen
16.15-17.45 Uhr Studium
18.00 Uhr Abendessen
18.35-19.20 Studium
21.30 Uhr Schlafen

Anders dagegen verhält es sich beim Internatleben und der Freizeitgestaltung. Die äußeren Informationen über die Möglichkeiten, Angebote, Regeln und Prinzipien zeichnen zunächst ein gut vorstellbares und optimistisches Bild eines Sinnerfüllten und reizvollen gemeinschaftlichen Spielens, Arbeitens und Wohnens:

- Das Leben in kleinen, familienähnlichen Gruppen, die von je einem oder zwei festen Pädagogen betreut werden, kennen wir als die förderlichste Form der Internatserziehung.
- Jeden Donnerstag gibt es einen Familienabend. Die Gruppen sorgen sich autonom um das Abendessen und verbringen den Abend mit einem gemeinsamen Programm.
- Jeden Mittwoch finden die »Gilden« statt, eine Besonderheit der Internate; es sind Arbeitsgemeinschaften, für die die Schüler sich für ein halbes Jahr entscheiden können: im handwerklichen Bereich für Holz- und Metallarbeiten, Basteln und Weben, im musischen Bereich für Musik, Malen, Grafik, Film und Theater, im sportlichen Bereich für Ballspiele, Reiten, Tischtennis, Leistungs- und Rettungsschwimmen, im kaufmännischen Bereich für Einkauf, Verkauf und Buchführung von Schulmaterial, im Wissenschaftsbezogenen Bereich für Biologie und Bienenzucht.
- Jeden Tag gibt es für die Schüler der Internate in Deuschland und der Schweiz Freizeitphasen.
- Die Internate haben eigene Hallenschwimmbäder mit Sauna, es gibt die Möglichkeit zum Reiten, eine Schülerbücherei, Fernsehen, ein sieben Hektar großes Gelände mit Gemüsegärten, Sitzplätzen, dem Burghof usw., eine Turnhalle, eine Schülerdisko. - Alle 4-5 Wochen gibt es ein verlängertes Wochenende für Heimfahrten.
- An diesem und an allen anderen Wochenenden steht ein Lehrer als »Freizeitwart« für die Schüler zur Verfügung, die nicht nach Hause fahren. Angeboten werden: Filmvorführungen, Tanzabende (für Schüler über 16 Jahre), Radtouren, Volksläufe und Volkswandern, Orientierungsläufe, Tennis -und Tischtennisturniere, Schachturniere, Turniere im Ballspielen, Grillfeste, Schülercafé, Besuch von kulturellen und sportlichen Veranstaltungen außerhalb, bunte Abende mit Musik und Spielen.
- Der Jahreszeit, dem Jahreskreis und den Festen entsprechend wird immer irgendetwas Besonderes unternommen oder veranstaltet: Theateraufführungen, Konzerte, Sportfeste, religiöse Feiern, Weihnachtsfeier draußen im Wald usw.
- Verbote und Gebote der Internate, die zunächst genannt werden, sind an sich nachvollziehbar: striktes Alkoholverbot und klare Regelung fürs Rauchen, Rundfunkgeräte sind im Rahmen einer Rundfunkordnung erlaubt, Fernsehen nach Absprache. Dass die Internatswirklichkeit einem solchen idyllischen Bild nicht vollkommen entspricht, versteht sich von selbst. Beschwerden mancher Schüler, die ich sprach, gehen indessen über das hinaus, was man als die unvermeidliche Beschwerden über zu strengen Ordnungen kennt.
- Die Freizeit scheint für einen Teil der älteren Schüler eines der größten Probleme zu sein. Die zwei täglichen Phasen nutzen viele Schüler nicht: Sie erleben sie als zu kurz, um etwas Interessantes zu beginnen, und hängen herum. Auch das Wochenende empfinden viele als »grässlich«, der Freizeitwart »könne nicht viel bieten«, die Filme, die ab und zu gezeigt werden, seien blöd, und die Umgebung des Heimes biete nichts als Natur.
- Einige Jugendliche erleben sich selbst klar als psychosoziale Problemgruppe; ihre negative Selbstdefinition fällt auf; sie seien fast alle von zu Hause aus mit Problemen belastet, viele hätten einen Knacks.
- Je länger man hier im Internat sei, desto mehr nehme eine Vereinsamung zu; es gäbe immer weniger alte Freunde. Auch beobachte man bei sich selbst eine zunehmende Aggressivität, das Mitstricken an einer Hackordnung. Relativiert werden diese Beschwerden zum einen dadurch, dass sie von der sicherlich unzufriedensten Schülergruppe des Internats geäußert wurden; zum anderen auch dadurch, dass diese Schüler selbst auch positive Aspekte sehen und benennen konnten: Die klaren Ordnungsstrukturen seien für viele problembelastete Schüler auch hilfreich; man kümmert sich durchaus aufwendig auch um Kinder, die woanders, z. B. in anderen Landerziehungsheimen, schon einmal gescheitert sind; allgemein wird das schulische Angebot gelobt.